23.07.2019

«Expert View» – Wissensvermittlung & Wahrnehmung zentral für die Branche – Libra und die Bedeutung für die Banken

Aktueller Blick auf die Struki-Branche von Valentin Vonder Mühll, Pictet

Man muss es so sagen: Die Lancierung der Facebook Währung «Libra» ist ein Frontalangriff auf das träge gewordene Finanzsystem der alten Welt! Die Ankündigung scheint sowohl Banken als auch die Öffentlichkeit überrascht zu haben. Doch trotz allerlei offener Fragen ist davon auszugehen, dass sich Libra zu einer ernsthaften Alternative oder gar Konkurrenz zu den herkömmlichen Währungen entwickeln kann. Entsprechend müssen sich auch die Zentralbanken und die Regulierungsbehörden aktiv mit einem solchen Szenario und den möglichen Folgen auseinandersetzen.

Doch wieso kann ein Internetkonzern mit dem globalen Bankensystem in einer seiner ursprünglichsten Kernkompetenz ernsthaft konkurrieren? Ein Grund dürfte in der massiven Regulierungswelle liegen, die Banken zu enormen IT-Investitionen zwingen. Dabei werden Ressourcen weniger zur Innovation als vielmehr zur Erhaltung des bestehenden Geschäfts und zur Erfüllung der neuen Auflagen investiert – mit sehr überschaubarem Mehrwert für Kunden.

Im Weiteren tun sich zahlreiche Bank nach wie vor schwer, ihre Modelle den neuen Gegebenheiten anzupassen und vermehrt auf die Bedürfnisse der nächsten Generation auszurichten – Stichwort Digitalisierung. Wer braucht da beispielsweise noch ein dichtes Netz an Filialen? Auch im Bereich der Kreditvermittlung und im Zahlungsverkehr haben innovative Technologien ganz neue Möglichkeiten geschaffen. Banken, die sich nicht strategisch neu ausgerichtet haben, läuft die Zeit davon.

Fintech-Unternehmen und Internetkonzerne müssen zudem keine historisch gewachsenen und oftmals veralteten IT-Infrastrukturen unterhalten. Dank ihren innovativen Plattformen haben sie weltweiten Zugang zu Milliarden von Kunden, kennen deren Präferenzen und können ihr Angebot auf die individuellen Bedürfnisse der Nutzer abstimmen. Die Herausforderung für die etablierten Banken ist enorm. Unternehmen wie Facebook, Google und Amazon verfügen über entscheidende Wettbewerbsvorteile: Sie können Transaktionen schneller, effizienter und damit zu markant tieferen Preisen abwickeln (die Libra Plattform soll bei Lancierung beispielsweise in der Lage sein, rund 1’000 Transaktionen pro Sekunde abzuwickeln). Durch vorhandenes Investitionskapital können sie Unsummen in neue Technologien investieren und ihren Vorsprung auf die Banken laufend vergrössert.

Struki Branche als Hoffnungsträger der Banken

Innerhalb der Bankenbranche sind Derivate und Strukturierte Produkte seit jeher ein Treiber für Innovation und technischen Fortschritt. Seit Beginn auf innovative Technologie angewiesen, hat diese schrittweise zur Automatisierung und Skalierung entlang der gesamten Wertschöpfungskette geführt. Die Branche hat früh verstanden, dass der Technologie im Wettbewerb eine strategische Bedeutung zukommt und dass sich durch Innovation konsequent Kundennutzen schaffen lässt. Um der Dynamik gerecht zu werden, mussten jedoch die entsprechenden IT-Spezialisten aus den oft etwas schwerfällig, träge und bürokratisch operierenden bankinternen IT-Abteilungen herausgelöst werden. In kleineren, flexibleren und direkt beim operativen Geschäft angesiedelten Teams können die Spezialisten dank ihrer agilen Entwicklungsmethodik rasch auf neue Trends und Gegebenheiten reagieren. Dank der hohen Wertschöpfung, welche im Struki Geschäft generiert wird, können die notwendigen Investitionen in der Regel relativ rasch durch entsprechende Mehrerträge finanziert werden.

Banken tun also gut daran, diese jüngsten Entwicklungen ernst zu nehmen – denn Libra ist erst der Anfang. Deshalb ist ein Umdenken gefragt. Nur wer das eigene Geschäftsmodell anzupassen und auf die Zukunft auszurichten vermag, wird Chancen nutzen können. Banken müssen das Thema «Technologie» künftig strategisch noch stärker gewichten – und sich Gedanken darüber machen, wie sie wieder vermehrt top IT-Talente anziehen können. Die Struki Branche kann dabei als ein eigentliches «Role Model» herangezogen werden. Vielleicht ist es gerade deshalb kein Zufall, dass jüngst ein ehemaliges Vorstandsmitglied zum CEO einer etablierten Privatbank ernannt wurde.

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